Wir vermehren aktiv die positiven Chancen, indem wir ...
... eine optimistische Haltung
einer realistischen vorziehen.

Auf einem anderen Stern    
von Jürgen Fuchs


Das ist wirklich ein denkwürdiger Tag! In der Welt gibt es nur noch ein Thema: Das Sonnensystem hat einen neuen Planeten. Sein Name ist „Deutschland“. Vor wenigen Stunden haben wir Deutschen uns von der Erde getrennt und ziehen auf unserem eigenen Planeten die Bahnen um die Sonne: klein aber mein, klein aber fein! Endlich sind wir unter uns und die böse Welt bleibt draußen – weit, weit weg.

Alle jubeln. Wir Deutschen lachen und sind glücklich: Endlich brauchen wir keine Angst mehr zu haben vor der Verlagerung unserer Arbeitsplätze nach China. Unsere Politiker brauchen sich auch keine Sorgen mehr zu machen wegen Einwanderungsdruck und Integrationsproblemen. Die Finanzämter haben endlich alle Steuerflucht-Löcher gestopft. Die Schuhmachers, Grafs und Beckers können nicht mehr weg. Die Schwarzgeld-Transfers in die Schweiz sind Historie. Unser neuer Bundeskanzler Oskar Lafontaine kann endlich in Ruhe das Vermögen der Reichen an die Armen verteilen.

Auf allen Produkten in den Geschäften steht wieder „Made in Germany“ und alle Lebensmittel sind garantiert genfrei. Der Kohlebergbau jubiliert: „Endlich werden wir wieder gebraucht. Wir sind autark!“ Wir Deutsche schaffen uns jetzt unsere eigene saubere Umwelt und unsere reine Luft. Alle Störfaktoren für den deutschen Weg in die Zukunft sind ausgeschaltet. „Globalisierung“ wird zum Unwort des Jahres erklärt und aus dem Wortschatz gestrichen. Wir haben ja unser eigenes globales Dorf. Die Bildzeitung schreibt: „Das Paradies kann beginnen!“

Dies Ganze geschah heute vor einem Jahr. Schon nach kurzer Zeit hatten wir Deutschen erkannt, dass wir auf unserem eigenen Planeten wirklich unter uns sind. Etwas spät, leider zu spät. Denn Daimler, BMW, Audi und Porsche konnten wenige Tage nach der Geburt des neuen Planeten bekannt geben: „Endlich führen wir die 10-Stunden-Woche ein.“ Es gabt ja nur noch wenige Kunden auf dem deutschen Planeten. Die ehemaligen mittelständischen Weltmarktführer mussten nach einem Monat ihre Pforten schließen und die Lichter am Finanzplatz Mainhattan gingen nach sechs Wochen aus.

Gebetsmühlenartig riefen die Politiker: „Nur die Ruhe bewahren! Das ist alles nicht so schlimm. Ihr wolltet doch schon immer Arbeitszeitverkürzung. Wir verdoppeln jetzt die Hartz-IV-Zuwendungen und drucken wieder unser eigenes Geld. Die „D-Mark“ kommt zurück! Neue Arbeitsplätze warten auch schon auf Euch: Die alten Fabriken für Kühlschränke und Computer, für Uhren und Textilien, für Spielzeuge und Radios werden wieder eröffnet. Wir holen alle ausgewanderten Stellen zurück ins Reich!“

Die Preise für unsere täglichen Produkte verdoppeln sich zwar, aber dafür versorgen wir uns wieder selbst. Auch die Kohlengruben werden neu eröffnet. Mit Kohle heizen ist doch viel gemütlicher als mit Öl und Gas. Im Kohlenpott entstehen viele Arbeitsplätze. Und wer als Kumpel keine Arbeit findet der fängt eben als Bauer an.

Nach genau fünf Monaten war das Chaos perfekt. Die Reichen waren nicht mehr reich und die Armen richtig arm. Endlich waren alle gleich. Die Kohleöfen verpesteten die Luft, und die Autofabriken mussten geschlossen werden. Es gab einfach keinen Platz mehr für all die Autos. Der Bundeskanzler schilderte zwar den Endsieg über Globalisierung und Kapitalismus in den schönsten Farben. Doch die Bevölkerung fühlte sich wie 1945: All ihrer Werte beraubt - Arbeit, Ideale, Vermögen und Zukunft.

Aber genau das weckt ja den Unternehmergeist in uns Deutschen. Wie die Wilden fingen wir an zu hämmern und zu sägen. Die Familien rückten wieder zusammen. In den Vorgärten blühten die Kartoffeln und bald blühte unser ganzer Planet. Deutschland war wieder ein aufstrebendes Agrarland. Für eine Karriere als Industrie- oder Wissensnation hatten wir keine Kunden. Die saßen ja auf einem anderen Planeten.

Wir Deutschen wären keine Deutschen, wenn wir nicht aus der Not eine Tugend machen würden. Wir schafften es, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden: Ein „Industrie-Museum“ als Attraktion für Weltraumtouristen, die per Ryan-Air von der „alten“ Erde zu Tausenden das Weltwunder bestaunten. Und wir Deutsche entdeckten wieder unseren Nationalstolz – als Fremdenführer und Geschichten-Erzähler. Die Vielzahl ethnischer Gruppen auf unserem Planeten erleichterte sehr die Verständigung. Multi-Kulti war jetzt doch ein Vorteil: „Freunde zu Gast bei Freunden“. Und die Nationalflaggen der Welt hatten wir ja noch - von der WM 2006.

 

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